Verdrängung ist eine Option. „Schließlich haben wir genug eigene Sorgen“, sagen sich viele. Die Frage „Was kann man schon tun?“ wird heute durchaus nicht in ignoranter Weise geäußert. Die Unterstützung der Opfer von Gewalt, der wir zumeist tatenlos zusehen müssen, gehört zum Hintergrund eines neuen, durch den alternativen Spar- und Kreditmechanismus geförderten Projekts.

Während man in Europa des „Ausbruchs“ des 1. Weltkriegs vor 100 Jahren gedenkt und dankbar für den Frieden in unserer Region ist, herrschen vor den Toren der EU ganz andere Verhältnisse. Wir leben in Zeiten internationaler Krisen und Bürgerkriege, die unter anderem große Flüchtlingsströme zur Folge haben. Weltweit sind zurzeit 51 Millionen Menschen auf der Flucht, entweder in den Nachbarländern unzähliger Staaten von Syrien, Irak, Afghanistan und Somalia über den Kongo bis hin zur Ukraine oder aber als Binnenflüchtlinge im eigenen Land. Schockierende Zahlen verdeutlichen das Ausmaß der humanitären Katastrophe alleine in Syrien: Im August 2014 waren bereits mehr als drei Millionen Syrer aus ihrem Land geflohen, weitere 6,5 Millionen Menschen sind innerhalb des Landes auf der Flucht.

Die wenigsten Opfer dieser Konflikte schaffen den Weg in Flüchtlingslager, in denen sie einigermaßen menschenwürdig leben können, ein ausreichendes Gesundheits- und Bildungssystem nutzen und eine neue Zukunftsperspektive aufbauen können.

Luxemburg hat in den ersten acht Monaten dieses Jahres 633 Flüchtlinge aufgenommen, das sind rund zehn Prozent weniger als im gleichen Zeitraum 2013. In den Jahren 2012 und 2011 wurden insgesamt noch jeweils über 2000 Asylbewerber gezählt. Luxemburg wird von den großen aktuellen Flüchtlingsbewegungen kaum berührt: Unter den 84 Neuzugängen im Juli war lediglich eine siebenköpfige Familie aus Syrien. Im August kamen 96 Antragsteller, darunter elf aus Syrien und eine Person aus der Ukraine. Es fehlt offenbar der politische Wille bzw. die Aufnahmekapazität, generell deutlich mehr Flüchtlinge und Asylbewerber aufzunehmen, insbesondere aus den aktuell betroffenen Regionen.

Dies kann man aus humanitärer Sicht beklagen. Es hat aber auch mit den Regelungen des Dublin-III-Abkommens zu tun, nach dem der Asylantrag in dem Land gestellt werden muss, in dem der Flüchtling in die EU eingereist ist. Daher werden viele aus Luxemburg wieder abgeschoben, es sei denn, sie können ihren Reiseweg verschleiern.

Um diese Situation eines dringenden Bedarfs konstruktiv zu verbessern, hat das dem Familien- und Integrationsministerium untergeordnete Office Luxembourgeois de l’Accueil et de l’Integration (OLAI) entschieden, neue Strukturen zur Unterbringung von Flüchtlingen und Asylbewerbern zu schaffen. Deshalb hat das OLAI die Polygone S.àr.l. beauftragt, diese in Mersch zu errichten und dem OLAI anschließend zu vermieten.

Zu diesem Zweck hat Polygone im Juli 2014 von etika und der BCEE einen zinsreduzierten Investitionskredit über 788.760 Euro mit einer Laufzeit von 54 Monaten erhalten (In ähnlicher Weise hatte Polygone bereits 2011 mobile Klassenräume für eine belgische Kommune errichtet. Und im gleichen Jahr in Luxemburg, als im Auftrag der Stadt das „Abrigado“, eine Einrichtung für Drogenabhängige realisiert und an die Stadt vermietet wurde. Auch diese Projekte erhielten aufgrund ihres sozialen Mehrwerts einen zinsvergünstigten Kredit).

Beim aktuellen Projekt handelt es sich erneut um ein als Containergebäude in Fertigbauweise konzipiertes Gebäude (Fotos vom Januar 2015). Der Bau entstand etwa 500 Meter vom Bahnhof Mersch entfernt auf dem Gelände des Agrocenters mit seiner riesigen Siloanlage. Im Schatten dieses “Wahrzeichens” von Mersch begannen im September 2014 Aushubarbeiten, ab Oktober erfolgte durch einen elsässischen Partner, der von Polygone Arbeitnehmer zur Verfügung gestellt bekam, die technische Umsetzung des in modularer Struktur errichteten Baus. Die Bauabnahme ist für Ende Januar 2015 vorgesehen.

Der holzverkleidete Bau weist neben vier Büro-, Aufenthalts- und Abstellräumen im Erdgeschoss insbesondere 11 Wohnräume (von je etwa 21 qm Fläche) im 1. Stock auf und ist für die Unterbringung von 30 Personen geeignet. In jedem Raum können 2 – 3 Personen untergebracht werden. Durch Zwischentüren zwischen jeweils zwei Räumen können neben Einzelpersonen auch Familien untergebracht werden. Im Erdgeschoss befinden sich neben getrennten WC- und Duschanlagen für Männer und Frauen auch eine Küche mit fünf Kochgelegenheiten. Eine Wohnung im Erdgeschoss ist inklusive eigener sanitärer Anlagen auch für Personen mit Behinderungen zugänglich.

Während das Treppenhaus im Inneren aus Naturholz errichtet wurde, führt auf der Rückseite des Baus eine stählerne Treppe hinunter zu den Grünflächen. Hier ist auf einer Fläche von zweimal je 100 qm zumindest ein gartenähnlicher Aufenthaltsbereich für den Sommer vorgesehen. Die weitläufigen Wiesen hinter dem Agrocenter, die als Spielraum für Kinder gut geeignet wären, werden jedoch nur über einen Umweg erreichbar sein, da das Grundstück noch eingezäunt werden soll.

Der Bau weist eine hohe Energieeffizienz auf, ist auf eine provisorische Nutzung von etwa zehn Jahren ausgelegt und kann ab- und wieder aufgebaut werden. Nach den Erfahrungen von Polygone-Geschäftsführer André Reuter ist die hier verwendete moderne Modularbauweise (die man dem Bau im Übrigen nicht ansieht) nicht schlechter als eine konventionelle Bauweise. Anders als es bei Containern möglich wäre, können die Übergänge zwischen den Räumen hier je nach vorgesehener Nutzung sehr flexibel gestaltet werden. Auch größere Räume sind möglich. Nach erfolgtem Innenausbau sind die Einzelmodule nicht mehr erkennbar.

Polygone ist eine Firma aus der Baubranche, die im Bereich der Säuberung von Baustellen und anhängiger Aktivitäten tätig ist, wie beispielsweise die Vermietung von Schuttcontainern oder verschiedener Arten von Absperrungen. Darüber hinaus ist Polygone ein Unternehmen der Sozialwirtschaft, d.h. die Schaffung von Arbeitsplätzen ist ein wesentliches Betriebsziel. Polygone schafft Arbeitsplätze für Menschen, die bisher vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen waren, wie z.B. Langzeitarbeitslose.

Der Sitz von Polygone befindet sich auf der anderen Seite der Eisenbahngleise in den umgestalteten Räumlichkeiten einer ehemaligen Giesserei in Sichtweite der neuen Flüchtlingsunterkunft.

Kontakt: André Reuter, Polygone, 37, rue de la Gare, B.P. 159, L-7502 Mersch, Tél : 49 20 05 1, info@polygone.lu,www.polygone.lu

Artikel vom 30. September 2014, zuletzt aktualisiert am 30. März 2017

http://etika.lu/Polygone-errichtet-in-Mersch-ein-neues-Fluchtlingsheim